Unsere Nachbarn
sind alles Einheimische. Es war von Anfang an so vorgesehen, dass wir ausländischen Mitarbeiter nicht ein Ghetto um das Krankenhaus herum bilden, wie das in manchen anderen Projekten der Fall ist, sondern uns ein Haus im Städtchen beziehen und uns so unter die Bevölkerung mischen. Meiner Meinung nach ein sehr wichtiger Beitrag dazu, die Vorurteile über einander auf beiden Seiten abzubauen. Eine unserer direkt benachbarten Familien habe ich erstmals näher kennengelernt, als ich eines Abends schreckliches Geschrei aus ihrem Haus hörte. Es wollte nicht enden, so dass ich schliesslich hinging, um zu sehen, ob ich irgendwie helfen oder ev. auch eingreifen müsste; die Rate an familiärer Gewalt ist hier extrem hoch und immer wieder sehen wir Frauen mit blau geschlagenen Gesichtern im Krankenhaus. Valentina und ihre Tochter Mille standen, als ich ankam, weinend im Eingang, Valentina mit blutigen Kratzern im Gesicht. Ihr Mann war mal wieder betrunken von der Chakra (Acker) heimgekommen, und als Mille aus lauter Angst vor ihm ihr Abendessen nicht anrühren konnte, ist er ausgerastet und hat seine Frau angegriffen. Laut anderer Nachbarn war das absolut nicht das erste Mal (mittlerweile hatten sich einige Schaulustige versammelt), einmal hätte er sie sogar mit einem Elektrokabel gewürgt - und wahrscheinlich fast umgebracht. Aus meiner Perspektive ist es schwer zu verstehen, warum solche Frauen sich nicht trennen; aber sich alleinerziehend in diesem Land durchzuschlagen, ohne einen Mann, der einen eventuell gegenüber Fremden beschützt, ohne Ausbildung und ohne Arbeit, ist wahrscheinlich die schlechtere Version. Vor ein paar Wochen konnte Valentina schliesslich einen Job im Krankenhaus bekommen: sie arbeitet vormittags auf der Station mit, teil Essen aus und sammelt hinterher die Tabletts wieder ein, hält die Stationsküche in Ordnung und erledigt sonstige Arbeiten, um die Krankenschwestern zu entlasten. Dadurch kann sie ein regelmässiges Gehalt von ca. 50 € im Monat heimbringen. Die Veränderungen, die wir seither bei der Familie beobachten konnten, sind fast unglaublich: seit langem hat man keine lauten Stimmen mehr von nebenan gehört, der anfangs sehr abweisende Mann grüsst uns nun freundlich, hat sich oft für die Stelle bedankt, die seine Frau nun hat, die Tochter bekommt nun regelmässig Mittagessen, das ihr wohl der Vater kocht! Und Valentina strahlt richtig, wenn sie in ihrer weissen Arbeitskleidung den Essenswagen durch die Flure schiebt. Ehrlich gesagt hatte ich anfangs etwas Sorge gehabt, wie es sich wohl auf ihre Familienstruktur auswirken würde, wenn plötzlich die Frau mehr Geld nach Hause bringt als ihr Mann - vermutlich hätte das auch “nach hinten losgehen” können, wenn er sich in seinem Stolz gekränkt gefühlt hätte und ihr aus Rache das Leben zuhause umso schwerer gemacht hätte. Aber offensichtlich ist es in dem Fall gut gegangen!


