Den Hals gebrochen
Monday, June 30th, 2008hat sich ein etwas älterer Herr, schon vor fast drei Wochen, als er von seinem Pferdchen gefallen ist – entgegen der landläufigen Meinung muss man daran nicht immer sofort sterben, aber ungesund ist es schon. Dieser genannte Herr wohnt in Saywite, einer archäologischen Zone ca. 1 Autostunde von uns entfernt; abgesehen von ein paar ganz netten Ruinen und einem eindrucksvoll behauenen Stein aus der Inkazeit – das alles wird bislang noch nicht wirklich touristisch vermarktet – ist dort aber ausser Äckern, von denen sich die Menschen ernähren, und ein paar armseligen Dörfern überhaupt nichts zu finden, und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie jemand, der dort wohnt, Geld verdienen könnte.
Dieser Mann kam letzte Woche zu uns, seine ganze Erscheinung mit den schmutzigen Kleidern und verschwielten Füssen in den typischen „Ojotas“ (Autoreifensandalen) spricht von seiner Armut; dazu kommt noch eine sehr demütig wirkende Körperhaltung, die zwar momentan auch durch reflektorische Muskelverspannungen bedingt ist – er hält den Kopf streng nach unten geneigt und ist kaum in der Lage, ihn ein wenig zu heben – aber generell bei diesen Leuten gegenüber uns reichen, gebildeten Ausländern häufig anzutreffen ist.
Das Röntgenbild hat schon einen recht dramatischen Befund gezeigt, und die Computertomografie hat bestätigt, dass es sich tatsächlich um eine instabile Fraktur handelt – zwei Wirbelkörper sind erheblich höhengemindert, ihre Hinterkante wölbt sich in den Spinalkanal vor (glücklicherweise aber ohne das Rückenmark zu komprimieren) und die Facettengelenke sind auch leicht verschoben, vermutlich sind die Gelenkkapseln gerissen.
An Therapiemöglichkeiten können wir ihm bei uns leider nicht viel bieten, einen Chirurgen, der das operativ stabilisieren würde, haben wir nicht. Also hat dieser Patient eine Halskrause bekommen (die er aber offensichtlich als sehr unangenehm empfindet und wahrscheinlich abnimmt, sobald er ausser Sichtweite des Krankenhauses ist). Ihn wochenlang stationär zu halten und in eine Extension hängen, ist auch keine reelle Option, er müsste seine Frau, seine Chakras und die Tiere so lange alleine lassen - die drei Söhne sind angeblich in Lima verschollen – und darauf würde er sich mit Sicherheit nicht einlassen.
Heute ist er wiedergekommen, nachdem er zunächst erstmal wieder nach Hause gegangen war – zu Fuss, Geld hat er ja nicht und schon für eine geringfügige Kostenbeteilung an seiner bisherigen Diagnostik musste er sich vermutlich den grössten Teil leihen – mit einem schrecklich geschwollenen Bein, zu allem Überfluss hat er nämlich auch noch eine Beinvenenthrombose. Nun wird ihm wahrscheinlich nichts anderes übrig bleiben, als doch wenigstens ein paar Tage stationär zu bleiben.
Genau solche Menschen sind die eigentliche Zielgruppe unseres Krankenhauses; die Erfahrung, nicht nur von uns, hat gelehrt, dass es immer besser ist, wenn sich die Patienten wenigstens mit einem symbolischen Betrag an den Kosten beteiligen. Die restlichen Kosten müssen über Spenden gedeckt werden und selbstverständlich kann sich das Krankenhaus auch zu diesem Zweck nicht verschulden. Wenn also jemand aus meiner geneigten Leserschaft gerne mithelfen möchte, solchen Menschen in ihrer Not zu helfen, ist er/sie herzlich dazu eingeladen – die entsprechenden Kontoverbindungen sind auf der Website des Krankenhauses zu finden (www.diospi-suyana.org); und ich kann garantieren, dass diese Spende nicht in irgendwelchen dunklen Kanälen verschwindet, sondern tatsächlich den Armen dieser Region zugute kommt! Eine gute Idee wäre es auch, den Verwendungszweck „Röntgenabteilung“ anzugeben – eine Computertomografie kostet ca. 60 Euro, und nur ein Teil unserer Patienten, die eine solche brauchen, sind in der Lage, diesen komplett selber aufzubringen.


