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Archive for December, 2007

Falschgeld

Wednesday, December 19th, 2007

ist hier haufenweise im Umlauf. Vor wenigen Tagen war ich in Cusco und habe mal wieder Geld abgehoben - da ich ein Dollarkonto habe, in Dollars; die Wechselkurse sind bei den Banken selbst in der Regel noch etwas schlecher als ausserhalb, und der Dollar steht gerade schon ganz schön schlecht. In der Nähe der Banken gibt es aber immer jede Menge Möglichkeiten zu wechseln - etwas gewagter auf der Strasse, ich bevorzuge die etwas sichereren Wechselstuben. In einer solchen bin ich also mit den Dollars gewesen und ausser einem Stapel Scheine hat der junge Mann dort mir noch zwei ganz neu aussehnde 5-Soles-Münzen gegeben. Die wollte ich direkt wenige Minuten später im Supermarkt um die Ecke ausgeben, leider wurden sie dort als Fälschungen abgelehnt.
Natürlich bin ich postwendend zurück zur meiner Wechselstube gegangen und bilde mir ein, dass der junge Mann auch, als er mich erblickte, einen etwas schuldbewussten Gesichtsausdruck bekam. Seine Münzen schien er wiederzuerkennen, zumindest hat er die Annahme nicht verweigert, aber mir sofort erklärt, dass ich unheimlich vorsichtig sein müsste, da ja so viel Falschgeld im Umlauf sei; und dann hat er mir noch gezeigt, woran ich dieses von echten Münzen unterscheiden könne (wenn man mit einer anderen Münze darauf kratzt, erscheinen auf dem Falschgeld weisse Linien; echte Soles nehmen keinen Schaden). Zum Schluss hat er mir dann anstandslos einen 10-Soles-Schein im Austausch für die beiden falschen Münzen gegeben und diese wieder in einer gesonderten Schublade verschwinden lassen - vermutlich für die nächsten arglosen Ausländer…

Tränen

Wednesday, December 12th, 2007

sind leider in meinem “Consultorio” nicht sehr selten. Gestern sass da zum Beispiel ein etwa 60 jähriger Mann; schon im Wartezimer hatte ich gesehen, wie er versucht hat, seine Patientenkarte (mit seinem Namen und der Nummer, unter der seine Krankenakte bei uns geführt wird) zu entziffern, in dem er sie nur wenige Zentimeter entfernt von seinen Augen gehalten hat. Als er dann bei mir sass, konnte ich erkennen, dass die Hornhaut seines linken Auges vernarbt ist - es sei ihm mal ein Fremdkörper reingeflogen - das rechte Auge sah äusserlich normal aus, aber damit könne er schon länger fast nichts sehen. Ausserdem hätte er chronische Magenschmerzen und alle Gelenke täten ihm weh. Er sei verwitwet, hat er ausserdem berichtet, einer seiner drei Söhne habe sich von ihm abgewandt, immerhin die zwei anderen von würden ihm ab und zu mit einer kleinen finanziellen Unterstützung helfen, hätten aber selber Kinder und nicht viel zum Abgeben. Am liebsten würde er selber arbeiten, aber das ist aufgrund seiner schlechten Sicht kaum möglich und für eine Augen-Op würde das Geld bei weitem nicht ausreichen.
Als er mir das alles erzählt hat, vor allem von dem Sohn, der nichts mit ihm zu tun haben will, hat er angefangen zu weinen; offensichtlich war ihm das selber unangenehm, aus Verlegenheit oder um sich selber abzulenken, hat er mit einer Hand heftig auf seinen Oberschenkel geschlagen…
Tabletten zur Linderung der Magenschleimhautentzündung, unter der er vermutlich leidet, konnte ich ihm gegen, und eine “Frotacion”, ein schmerzlindernes Gel für seine arthrotischen Gelenke. Eine Behandlung seiner Augen können wir leider nicht anbieten, aber immerhin die Adresse eines Augenarztes, der über die Christoffel-Blindenmission in der nächsten grösseren Stadt Abancay arbeitet. Die Fahrt dorthin kostet aber von Curahuasi aus schon 10 Soles eine Richtung; von Cusco aus, wo er lebt, sind es 25 Soles (ca. 6 €), ein Betrag, der für diesen Mann fast unbezahlbar ist. Und dann kommt ja noch die Rückfahrt dazu, Kosten für den Arzttermin, ev. Kosten für Behandlung oder Medikamente… - und auch optimaler Behandlung besteht vermutlich nicht sehr viel Hoffnung darauf, dass er irgendwann nocheinmal besser sehen kann. Das Schlimmte seiner vielen verschiedenen Leiden ist aber vermutlich die Einsamkeit, durch die Armut und Schmerzen noch unterträglicher werden. Es ist verständlicherweise schwer, in solchen Lebenssituationen nicht die Hoffnung aufzugeben!
Wenn ich von solche schwierigen Lebenssituationen berichtet bekomme, sitze ich oftmals da und weiss gar nicht was ich sagen soll. Vor allem, wenn mir ihre Lage besonders auswegslos erscheint und ich am Ende bin mit meinem Latein, biete ich den Patienten in der Regel an, mit ihnen zu beten - völlig freiwillig natürlich, aber abgelehnt hat es noch keiner. Meistens beginnen diese Gebete mit der Formulierung: “Padre celestial, te presento este Señor/Señora…” (”Vater im Himmel, ich bringe Dir diese Frau / diesen Mann…”)
Wahrscheinlich werde ich in den meisten Fällen nicht erfahren, was aus daraus geworden ist, und meine persönlichen Erfahrungen hinsichtlich Gebetserhörungen sind auch sehr unterschiedlich - es ist keinesweg so, dass ich die Gebetsformel kenne, die garantiert ein Wunder bewirkt, wie ich es mir wünschen würde (in diesem Fall hätte ich gewünscht, dass dieser Herr wieder sehen kann). Aber schliesslich ist Gott Spezialist gerade für die auswegslosen Situationen (im Notfall hat er auch schon mal eine Strasse mitten durch ein Meer geöffnet, als seine Leute in Bedrängnis waren; und auch in deutlich relativeren Nöten hat er Wunder getan, wie z.B. damals bei dieser Hochzeitsfeier, die aufgrund von zuviel Sparsamkeit oder Fehlplanung zu einer Peinlichkeit zu werden drohte, weil der Wein ausging). Und was ich ganz sicher weiss, ist, dass Gott diese Menschen in ihrer Not nicht egal sind und es dass es definitv nicht schadet, wenn man ihn darum bittet, seine Augen gerade mal auf einen Menschen ganz besonders zu richten.

Pipi

Wednesday, December 5th, 2007

ist kein Name, und auch kein Getränk… - hat Marius schon vor vielen Jahren gesungen. Recht hat er! Hier in Peru geht man mit dieser Körperflüssigkeit (auf Quetchua wahlweise “pitchi” oder “unu hisp’ay”) sehr ungezwungen um. Mit dem Missionarztkollegen aus Abancay z.B. war ich mal in einer seiner “Clinics” oben in den Bergen; in einer dieser sehr schlichten Hütten, in denen er dann seine Ambulanz veranstaltet (s. auch Fotos unter flickr), hat er eine Patientin um eine Urinprobe gebeten. Sie hat sich einfach den Becher geschnappt und sich ohne grosse Umstände in die Ecke des Raumes gehockt, in dem wir uns gefanden. Beeindruckenderweise ist auch kaum etwas daneben gegangen, eine bewundernswerte Leistung, fand ich.
Ein anderes Mal war ich im Bus unterwegs; als dieser aufgrund einer Panne auf offener Strasse anhalten musste, ist eine Mitfahrerin ausgestiegen und hat sich direkt vor die Eingangstüre eines Hauses am Strassenrand gesetzt, um dort ihre Blase zu erleeren. Ich habe sie gefragt, ob sie nicht eventuell eine gute Idee fände, dies neben oder hinter dem Haus zu tun, war sie ganz verwundert über dieses Ansinnen, “es sei doch nur pitchi”!
Eine weitere, leider noch unmittelbarere Berührung mit diesem Substanz hatte ich vor ein paar Wochen: eine Kollegin und ich sind abends nach “Cconoc” gefahren, einem Open-Air-Thermalbad, etwa 45 minuten von Curahuasi entfernt. Die Anlage ist gar nicht schlecht, mit mehreren Becken verschiedener Wassertemperatur, allerdings ist leider auch das wärmste von ihnen nur lauwarm. Dort haben wir zwei uns natürlich bald eingefunden, zusammen mit haufenweise Peruanern jeden Alters. Auch Säuglinge waren dabei, einer von ihnen hat unablässig geschrien. Dass dabei das ein oder andere Tröpfen sich nicht nur aus den Tränendrüsen ins Badewasser geflossen ist, kann man sich zwanglos vorstellen. Die Duftwolken, die mir aber beim Baden immer wieder in die Nase stiegen, waren sicherlich nicht nur von diesen Babies verursacht. Das ganze fand ich natürlich ganz schön eklig (meine Kollegin hat das lockerer gesehen, sie meinte, auch wenn’s kein Morgenurin wäre, in dem wir da baden, wäre er doch bestimmt trotzdem gut für die Haut) und zum Glück war bei unserer Rückkehr nach Curahuasi Stom und Wasser da, so dass ich mich nochmal gründlich abduschen konnte. Sehr gross ist mein Bedürfnis nach einem erneuten Besuch in Cconoc gerade nicht, das lässt sich vielleicht gut nachvollziehen…