sind leider in meinem “Consultorio” nicht sehr selten. Gestern sass da zum Beispiel ein etwa 60 jähriger Mann; schon im Wartezimer hatte ich gesehen, wie er versucht hat, seine Patientenkarte (mit seinem Namen und der Nummer, unter der seine Krankenakte bei uns geführt wird) zu entziffern, in dem er sie nur wenige Zentimeter entfernt von seinen Augen gehalten hat. Als er dann bei mir sass, konnte ich erkennen, dass die Hornhaut seines linken Auges vernarbt ist - es sei ihm mal ein Fremdkörper reingeflogen - das rechte Auge sah äusserlich normal aus, aber damit könne er schon länger fast nichts sehen. Ausserdem hätte er chronische Magenschmerzen und alle Gelenke täten ihm weh. Er sei verwitwet, hat er ausserdem berichtet, einer seiner drei Söhne habe sich von ihm abgewandt, immerhin die zwei anderen von würden ihm ab und zu mit einer kleinen finanziellen Unterstützung helfen, hätten aber selber Kinder und nicht viel zum Abgeben. Am liebsten würde er selber arbeiten, aber das ist aufgrund seiner schlechten Sicht kaum möglich und für eine Augen-Op würde das Geld bei weitem nicht ausreichen.
Als er mir das alles erzählt hat, vor allem von dem Sohn, der nichts mit ihm zu tun haben will, hat er angefangen zu weinen; offensichtlich war ihm das selber unangenehm, aus Verlegenheit oder um sich selber abzulenken, hat er mit einer Hand heftig auf seinen Oberschenkel geschlagen…
Tabletten zur Linderung der Magenschleimhautentzündung, unter der er vermutlich leidet, konnte ich ihm gegen, und eine “Frotacion”, ein schmerzlindernes Gel für seine arthrotischen Gelenke. Eine Behandlung seiner Augen können wir leider nicht anbieten, aber immerhin die Adresse eines Augenarztes, der über die Christoffel-Blindenmission in der nächsten grösseren Stadt Abancay arbeitet. Die Fahrt dorthin kostet aber von Curahuasi aus schon 10 Soles eine Richtung; von Cusco aus, wo er lebt, sind es 25 Soles (ca. 6 €), ein Betrag, der für diesen Mann fast unbezahlbar ist. Und dann kommt ja noch die Rückfahrt dazu, Kosten für den Arzttermin, ev. Kosten für Behandlung oder Medikamente… - und auch optimaler Behandlung besteht vermutlich nicht sehr viel Hoffnung darauf, dass er irgendwann nocheinmal besser sehen kann. Das Schlimmte seiner vielen verschiedenen Leiden ist aber vermutlich die Einsamkeit, durch die Armut und Schmerzen noch unterträglicher werden. Es ist verständlicherweise schwer, in solchen Lebenssituationen nicht die Hoffnung aufzugeben!
Wenn ich von solche schwierigen Lebenssituationen berichtet bekomme, sitze ich oftmals da und weiss gar nicht was ich sagen soll. Vor allem, wenn mir ihre Lage besonders auswegslos erscheint und ich am Ende bin mit meinem Latein, biete ich den Patienten in der Regel an, mit ihnen zu beten - völlig freiwillig natürlich, aber abgelehnt hat es noch keiner. Meistens beginnen diese Gebete mit der Formulierung: “Padre celestial, te presento este Señor/Señora…” (”Vater im Himmel, ich bringe Dir diese Frau / diesen Mann…”)
Wahrscheinlich werde ich in den meisten Fällen nicht erfahren, was aus daraus geworden ist, und meine persönlichen Erfahrungen hinsichtlich Gebetserhörungen sind auch sehr unterschiedlich - es ist keinesweg so, dass ich die Gebetsformel kenne, die garantiert ein Wunder bewirkt, wie ich es mir wünschen würde (in diesem Fall hätte ich gewünscht, dass dieser Herr wieder sehen kann). Aber schliesslich ist Gott Spezialist gerade für die auswegslosen Situationen (im Notfall hat er auch schon mal eine Strasse mitten durch ein Meer geöffnet, als seine Leute in Bedrängnis waren; und auch in deutlich relativeren Nöten hat er Wunder getan, wie z.B. damals bei dieser Hochzeitsfeier, die aufgrund von zuviel Sparsamkeit oder Fehlplanung zu einer Peinlichkeit zu werden drohte, weil der Wein ausging). Und was ich ganz sicher weiss, ist, dass Gott diese Menschen in ihrer Not nicht egal sind und es dass es definitv nicht schadet, wenn man ihn darum bittet, seine Augen gerade mal auf einen Menschen ganz besonders zu richten.