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Archive for November, 2007

Einen Ultraschall

Wednesday, November 28th, 2007

vom Ohr wollte sie gerne, die Senorita, die heute morgen in meine “Consulta” kam. Vor zwei Wochen war sie schon mal da gewesen, damals klagte sie über Bauchschmerzen, die schon seit einem Jahr bestünden. Der damals durchgeführte Ultraschall des Abdomens hat einen Normalbefund ergeben, seither hat sie auch keine Beschwerden mehr. Jetzt täte aber das Ohr weh, was durchaus glaubwürdig war, schliesslich konnte man mit dem Ohrenspiegel den Eiter darin sehen. Einen Ultraschall haben wir ihr aber trotzdem nicht verkauft (ebenso wie Ultraschall vom Kopf oder dem Rücken, auch immer wieder patientenseits gewünscht, wäre das wenig sinnvoll) sondern sie mit Antibiotika und Nasentropfen heim geschickt - mit der Empfehlung, sich einem Ohrenarzt vorzustellen; diese Spezialität haben wir leider nicht im Angebot. Vermutlich wird sie das aber nicht tun, das dies schon Fahrtkosten von mindestens 20 Soles mit sich bringen würde, ganz abgesehen von dem, was sie für den Termin selbst und die Medizin zahlen müsste.
Die Erwartungen der Bevölkerung hier in die moderne Medizin sind wirklich gross - ein idealer Arztbesuch würde vermutlich so ausschauen, dass zunächst ein Ultraschall angefertigt wird - von genau und nur der Stelle die weh tut, die wird einem auch beharrlich immer wieder gezeigt, wenn man z.B. versucht, eine vernünftige Untersuchung aller Bauchorgane zu machen - anschliessend müsste eine Spritze folgen und vielleicht noch ein paar Tabletten zum mitnehmen, daraufhin - zumindest scheinen so die Vorstellungen zu sein - würde sich eine komplette Gesundheit einstellen.
Leider sind die Medikamente, die so wirken, noch nicht erfunden, wir warten täglich darauf!

Eine Rothaut

Saturday, November 24th, 2007

ist gestern bei uns durch’s Dach gefallen! Einer der einheimischen Arbeiter (der Beriff “Indianer” ist übrigens ziemlich verpönt und ihre Hautfarbe ist auch normalerweise relativ dunkel, aber für meine Begriffe überhaupt nicht rot) hat die Entlüftungsrohre auf dem Dach mit roter Lackfarbe gestrichen und sich dabei einer Kletterkonstruktion bedient, die unsere leitende Krankenschwester schon von Weitem als lebensgefährlich eingestuft hat. Tatsächlich ist es dann dieses Mal auch nicht gut gegangen, der Mann ist durch die Eternit-Dachplatten gebrochen, sein Sturz ist glücklicherweise durch die abgehängte Gipskartondecke gebremst worden, aber dann ist er in die Gemeinschaftsküche der Besucherappartments gestürzt.
Der Bauingenieur, der vom Lärm alarmiert herbeigelaufen ist, hat einen riesigen Schreck bekommen: nicht nur der Verletzte selbst war von Kopf bis Fuss blutrot, auch alles in der Küche war rot verspritzt, natürlcih hat er angenommen, das sei Blut. Zum Glück war das ein Irrtum, es war “nur” rote Lackfarbe. Anscheinend ist der Sturz auch glimpflich ausgegangen, lediglich eine Wirbelsäulenfraktur muss ausgeschlossen werden und da unsere Möglichkeiten hier noch begrenzt sind, musste er zur weiteren bildgebenden Diagnostik nach Cusco gebracht werden (Ausfälle der Motorik oder Sensibilität bestanden nicht, er hatte einfach starke Schmerzen im Übergang der Hals- zur Brustwirbelsäule). Wenigstens einen Ultraschall zum Ausschluss freier Flüssigkeit (als Hinweis auf eine Verletzung innerer Organe) konnten wir ihm jedoch hier noch angedeihen lassen. Und das Gute ist, dass sämtliche unserer Bauarbeiter selbstverständlich eine Versicherung haben, so dass er sich nun wenigstens wegen der Kosten des Transports und der Untersuchungen keine Sorgen zu machen braucht.
Aber der arme Kerl war wirklich von Kopf bis Fuss mit roter Lackfarbe beschmiert, deren Entfernung wird ihm bestimmt auch noch viel Freude bereiten, seine Kollegen waren zumindest nach Feierabend noch ein Stündchen damit beschäftigt, wenigstens in der Küche die Spuren des Unfalls so gut wie möglich zu beseitigen.

Weidmanns Heil

Monday, November 19th, 2007

hatten wir heute: 4 Ratten mussten ihr Leben lassen. Nachdem ein Kollege die Rattenfalle präpariert hatte, hat sie endlich funktioniert und Bananenstücke haben sich als hervorragender Köder herausgestellt. Mich hat’s ja gewundert, dass die eigentlich recht intelligenten Tiere sich nacheinander von der gleichen Falle, die auch noch immer an der gleichen Stelle stand, haben fangen lassen. Zwei von ihnen waren leider nicht ganz tot, eine Mitbewohnerin und ich haben dann jeweils mit der Gartenschaufel ihr Leiden beendet, was gar nicht so einfach war. Die Viecher sind schrecklich zäh, und es hat mich wirklch viel Überwindung gekostet, aber schliesslich konnten wir sie ja nicht länger als nötig schwer verletzt lassen. Die letzte Ratte, die versucht hat sich den Köder zu holen, ist leider ganz entkommen, die Arme hat sich aber wahrscheinlich die Nase gebrochen, jedenfalls war eine Blutspur an der Falle. Ich finde es wirklich schlimm, dass sie jetzt Schmerzen hat, aber ändern kann ich’s halt auch nicht - und Gift halte ich auch für keine bessere Lösung, zumal diese Rattenkolonie in der Zwischendecke zwischen erster und zweiter Etage wohnt und wir auch nicht wollen, dass da ein Haufen Rattenkadaver vergammelt.
Mir ist jetzt gerade ziemlich schlecht und ich bin nicht so sicher, ob ich was falsches gegessen habe, oder ob es nicht psychosomoatisch bedingt ist. Die Erinnerung an daran, wie ich die ganzen toten Tiere entsorgen musste und vor allem an das Töten mit der Schaufel ist wirklich scheusslich, und die Aktion hat sich über den ganzen Tag hingezogen; und jetzt trippelt es schon wieder lebhaft draussen herum, es sind also offensichtlich noch ein paar von ihnen wohlauf. Erstmal hoffe ich, dass ich heute Nacht nicht von ihnen träume; die grösste von denen, die wir gefangen haben, war bestimmt 20 cm lang mit noch einem mindestens ebenso langen Schwanz.
Zu allem Überfluss hat eben noch eine meiner Mitbewohnerinnen erzählt, wie aus dem Abfluss der Spüle in der Küche heute eine riesige Spinne geklettert kam, als sie grade anfangen wollte, das Geschirr zu spülen, sie (meine Mitbewohnerin) hat sich ziemlich erschreckt… - ich wäre wirklich froh, wenn ich mal für ein paar Tage von unerwünschten Mitbewohnern verschont bliebe!

Ratten füttern

Friday, November 16th, 2007

war eigentlich nicht meine Absicht, und schon gar nicht mit den Kartoffeln, die ich mir eben für das Mittagessen morgen gekocht habe… als ich eben im mein Zimmer kam - die Türe hatte ich offen stehen gelassen, während ich unten in der Küche war - lief gerade eine kleine Ratte (Körperlänge ca. 12 cm) darin herum. Sie hat sich natürlich total erschrocken, als sie mich gesehen hat und ist zur Türe geflitzt, musste dort feststellen, dass sie nicht mehr offen war und hat somit kehrt gemacht und in die Ecke zurück; ich habe daraufhin, da ich natürlich auf so einen Zimmergenossen keinen Wert lege, die Türe weit aufgemacht und sie in diese Richtung gescheucht; zum Glück hat sie meinen Plan verstanden und hat Reissaus genommen.
Eine Rattenfalle, die wir bereits im Haus hatten (!), habe ich mit einem Stück Kartoffel präpariert und nicht weit von meiner Zimmertüre entfernt aufgestellt. Und keine 5 Minuten später - war die Kartoffel weg, die Falle noch gespannt und die Ratte fröhlich in ihrem Schlupfloch. Zwei mal haben wir das durchgespielt, und bevor ich noch mehr von meinem morgigen Mittagessen opfere, habe ich beschlossen, dass ich mich erstmal von einem Kollegen in die Funktion dieser Fallen einweisen lasse - er scheint sich da gut auszukennen: zwei Ratten er hat schon bei sich im Arbeitszimmer (dem Serverraum des Krankenhauses!) gefangen.
Die Ratte dagegen gratuliert sich wahrscheinlich gerade zu ihrer klugen Wahl, in ein Haus eingezogen zu sein, wo sie mit noch warmen geschälten Kartoffeln gefüttert wird…

Umbauarbeiten

Thursday, November 15th, 2007

habe ich nebenher, quasi hobbymässig, zu betreuen, und zwar in dem Haus, das unser zukünftige Gynäkologe mit seiner Familie ab Februar bewohnen wird. Das Haus ist an sich gross genug, auch für die vier Kinder, die zu dieser Familie gehören, nur die Höhe der Räume lässt etwas zu wünschen übrig und der Vater ist halt mal fast 2 m gross. In Küche und Wohnesszimmer wurde also der Boden ein wenig ausgeschachtet, in der oberen Etage soll nächstes Jahr nach Ende der Regenzeit das Dach angehoben werden.
Ein echtes Bad gab es bislang nicht, aber es wir ein neues gebaut, unser Ingenieur vom Krankenhaus - ein Experte mit nicht zuletzt langjähriger weltweiter Holzmann-Erfahrung - hatte freundlicherweise einen Plan gezeichnet und so dachte ich, perfekt, da kann nichts schiefgehen. 2-3 mal pro Woche fahre ich nach der Arbeit dort vorbei und schaue nach dem Rechten, am Wochenende nach Möglichkeit auch noch, wenn ich nicht gerade in Cusco bin um Fliesen o.ä. einzukaufen.
Heute kam ich also mal wieder hin und bin vor Schreck fast umgefallen: der eigentlich sehr nette Vermieter hatte sich einen anderen, einheimischen “Maestro” geholt, der einen neuen Plan für das Bad auf den Boden zeichnete. 1,20 m breit, 2,40 m lang, die Dusche z.B. sollte eine Tiefe von 60 cm haben, auch der gesamte Rest fürchterlich zusammengedrängt… nach einiger Diskussion konnten sie sich dann doch wieder auf 1,40 m Breite einigen, die Tiefe wird wohl 2,80 m betragen… und als ich diesen einheimischen Strategen fragte, ob es denn so ein grosser Preisunterschied sei, das Bad etwas grösser zu bauen, meinte er, das nicht so sehr, aber wenn es so gross wäre, wäre es doch so hässlich. Och, sagte ich dazu, bei mir könnte ein Bad gar nciht gross genug sein.
Ein zweiter Schreck wartete auf mich, als ich die Küche betrat: diese hat zwei Fenster, genau vor das eine sollte die Spüle kommen; bislang gab es in der Küche noch gar kein Wasser, es musste also auch eine Wasserleitung gelegt werden. Mangels Phantasie haben sie diese Leitung von aussen durch die Wand gezogen, leider durch eine Wand, die sie auf das ehemalige Fensterbrett draufgemauert haben, das Fenster ist also nur noch halb so gross… zum Glück gibt es ja noch das andere Fenster und auch ein neu eingebautes “Dachfenster” (transparente Kunsttoffplatten, die anstelle der Dachziegel eingebracht wurden). Und die Spüle wurde so ausgrichtet sein, dass der Ablauf links ist, auch eher ungewöhnlich für unsere Begriffe. Diese “Verschlimmbesserung” in der Küche lässt sich nun leider nicht mehr beheben, nicht wirklich tragisch, aber schade drum.
Ich versuche ja immer Verständnis für die Leute hier zu haben, die mit gefliesten Küchen und Badezimmern und ähnlichen Luxusgütern keinerlei Erfahrung haben. Aber manchmal kommt es mir auch so vor, als ob man so daneben gar nicht denken kann, wie sie bauen, wenn man nicht hinschaut!

EUG

Saturday, November 3rd, 2007

oder “ektope Schwangerschaft” heisst es, wenn sich eine befruchtete Eizelle ausserhalb der Gebärmutter einnistet und der Embryo dort anfängt zu wachsen - eine ziemlich gefährliche Situation, die sich leider nur durch eine Beendigung der Schwangerschaft beheben lässt - in frühen Stadien ev. durch Medikamente, in der Regel aber operativ; ein akutes Risiko der EUG ist eine heftige innere Blutung, die ohne weiteres den Tod der Mutter verursachen kann.
Ein junges Ehepaar kam heute in mein “Consultorio”, die Frau hatte heftige Bauchschmerzen, vor allem in den unteren Abschnitten. 4 Kinder haben sie bereits, das jüngste 1 Jahr alt und wird noch von ihr gestillt, das sei gleichzeitig ihre aktuelle Form der Schwangerschaftsverhütung, sagte sie; schwanger sei sie also nicht. In den letzen Tagen habe sie häufiger erbrochen, vor allem morgens, ausserdem habe seit ein paar Wochen leichte vaginale Blutungen.
Der klinische Untersuchungsbefund war unauffällig, der Bauch weich, also habe ich sie zum Ultraschall weitergeschickt - Stillen gehört ja doch zu den eher etwas unzuverlässigeren Methoden der Empfängnisverhütung und das vor allem morgendliche Erbrechen schien ja schon etwas suspekt. Mein Verdacht auf eine Schwangerschaft hat sich dann auch bestätigt, allerdings dass es leider eben eine ektope war, und bereits in der 8. Woche. Da wir leider noch keine Möglichkeit haben, dies bei uns zu behandeln, haben wir diese Patientin sofort mit dem Auto zur “Posta” gebracht, der lokalen Gesundheitsstation, die einen Krankenwagen besitzt; damit ist sie nach Abancay in das nächste Krankenhaus gefahren worden.
Die Kosten, die er dadurch auf sich zukommen sah, haben dem Ehemann grosse Sorgen gemacht - ob sie nicht wenigstens mit dem Taxi fahren könnten, hat der gefragt; er wüsste nicht, wie er diese Operation bezahlen sollte, er hätte einfach kein Geld. Taxi fahren wäre aber zu gefährlich gewesen, sie hätte ohne weiteres unterwegs verbluten könnten. Wenigstens eine gute Nachricht gab es aber an der Posta: für nur 1 Sol konnte die junge Frau sich direkt noch schnell krankenversichern - ein tolles gutes einheimisches Angebot, das allerdings nur im Fall von Schwangerschaften gültig ist.
Ob wir diese Frau mal wieder sehen, weiss ich natürlich nicht, freuen würde es mich schon, irgendwann zu hören, dass sie überlebt hat.

Giardia Lamblia

Thursday, November 1st, 2007

heisst ein hier offensichtlich sehr verbreiteter einzelliger Parasit, benannt nach seinen Entdeckern (nicht Erfindern!) Alfred Mathieu Giard und Vilem Dusan Lambl: bei kaum einer der zahlreichen Stuhlproben, die wir bislang von unseren Patienten haben anfertigen lassen, war er nicht nachzuweisen. Dies ist auch nicht weiter verwunderlich: neben dem menschlichen Verdauungstrakt ist ihr bevorzugter Aufenthaltsort das Oberflächenwasser, der Kreislauf wird also durch fehlende Therapie und mangelhafte Hygiene aufrecht erhalten - und von beidem gibt es hier mehr als genug.
Typische Krankheitssymptome sind Durchfall, Blähungen und selten mal Fieber, können aber auch völlig ausbleiben und Metronidazol, die angemessene Therapie, hat in unserer Krankenhausapotheke Hochkonjunktur.
Ganz andere Symptome hat mir eine etwas ältere Quetchuafrau neulich geschildert: irgendetwas steigt ihr immer wieder die Speiseröhre hinauf, “wie ein Faden”, mitunter bis in die Nase, und bewegt sich dort hin und her (diese Bewegung hat sie eindrucksvoll mit einem Wackelzeigefinger demonstriert); sie muss dann ganz schnell etwas trinken, dann geht es wieder runter. Sie habe fürchteliche Angst vor diesem Wesen, das da in ihr lebt, meinte sie, und wolle noch nicht sterben.
Möglicherweise leidet sie unter Askaris lumbricoides, dem Spulwurm, der zur Familie der Fadenwürmer (!) gehört. Die Eier von diesen werden ebenfalls über die Nahrung aufgenommen, schlüpfen im Dünndarm, wandern durch die Darmwand und den venösen Blutkreislauf in die Leber, von dort über Lebervenen in das Herz, weiter in die Lunge, in die Bronchien, werden hochgehustet und runtergeschluckt und kommen so wieder an ihrem Ausgangsort an, wo die Weibchen unter ihnen bis zu 200.000 Eier pro Tag legen.
Für diese Würmer mag das ein lustiges Zirkeltraining sein, für die meisten Mitteleuropäer ist schon die Vorstellung davon ziemlich ekelhaft. Zum Glück ist auch diese Krankheit nicht nur chirurgisch, sondern ganz einfach mit Tabletten (Mebendazol) zu behaneln. Ein operativer Eingriff kann allerdings doch erforderlich werden, wenn sie sich so stark vermehren, das sie einen mechanischen Darmverschluss verursachen.