Im “Rolli”
Monday, October 29th, 2007ist er seit 2 Jahren unterwegs: Xavier, ein vermutlich knapp 40jähriger Franzose, den ich heute in Cusco kennengelernt habe. Vor zehn Jahren hat er sich durch einen Unfall eine Lähmung der unteren Extremitäten zugezogen; schon vorher ist er sehr gerne gereist und so hat er sich durch die körperliche Einschränkung nicht abhalten lassen und bereist nun auf eigene Faust Südamerika; Venezuela, Brasilien und Bolivien hat er schon gesehen. Er hat einen Sportrollstuhl, mit dem er sich beeindruckend geschickt fortbewegt, und so ist er heute mit einer Kollegin von mir, ihrem Besuch, und mir über die holprigen Kopfsteinpflaster Cuscos gezogen.
Immer wieder mal begegnet man ja solchen Menschen, die Dinge tun, von denen man spontan erstmal sagen würde ” unmöglich, wie soll denn das gehen”. Zu den besonderen Charaktereigentschaften, die solche Menschen auszeichet, zählen wahrscheinlich Selbstvertrauen, der starker Wille, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, und eine hohe Frustrationstoleranz.
Auch hier in Curahuasi und der Umgebung gibt es jede Menge Situationen, in denen man leicht denken könnte: “wie soll das denn gehen” - wie sollen diese Menschen hier jemals aus ihrer Armut herauskommen, wie sollen die Kinder, deren Eltern oftmals Analphabeten sind oder nur mangelhaft Lesen, Schreiben und Rechnen können, jemals einen gute Berufsausbildung gekommen? Die Bereitstellung der erforderlichen Einrichtungen wie guter Schulen und Ausbildungsstätten reicht meiner Meinung nach nicht aus - mindestens so entscheidend sind die genannten Charaktereigentschaften bei der Zielgruppe. Wann immer möglich versuche ich daher ganz bewusst und besonders bei Kindern und Jugendlichen, ihr Selbstvertrauen zu stärken, z.B. in dem ich ihnen signalisiere, dass ich hohe Erwartungen in sie setze - und ich versuche, Wünsche zu wecken, ihnen die Vision einer besseren Zukunft zu vermitteln.
Ganz praktisch konnte ich das vergangene Woche bei zwei Führungen von Schulklassen durch das Krankenhaus tun: die Kinder kommen nach ihrem äusseren Erscheinungsbild ganz offensichtlich aus sehr armen Verhältnissen mit entsprechend ungebildeten Eltern. Gleich bei der Begrüssung habe ich gesagt, dass ich in ihnen jede Menge zukünftiger Ärzte sehe und habe sie sich überlegen lassen, welche Fachrichtung ihnen denn zusagen würde - natürlich gab es jede Menge Chirurgen - und bei der Tour durch das Krankenhaus konnten sie ich dann ihren möglichen zukünftigen Wirkungsort anschauen, z.B. sich ausmalen, wie sie eines Tages in steriler Kleidung im Op stehen. Viele stahlende Gesichter konnte ich da sehen und ich hatte schon den Eindruck, dass vielleicht bei dem einen oder anderen ein Traum entstanden ist.
Bei der Verabschiedung habe ich sie dann nochmal direkt ermutigt, dass sie an sich glauben sollen, sich Ziele setzen und dafür kämpfen, sie zu erreichen. Es wäre wirklich fast zu schön um wahr zu sein, wenn es tatsächlich eines dieser Kinder es schaffen würde, dieser extremen Armut zu entkommen und vielleicht sogar eines Tages im Diospi Suyana Krankenhaus eine verantwortungsvolle Stelle antreten könnte!


