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Archive for July, 2007

Que raro

Monday, July 23rd, 2007

- wie seltsam, fand die Stimme am anderen Ende der Leitung, und ich konnte dem nur zustimmen… zum Verständnis der Geschichte muss ich aber zunächst folgende Erklärung vorausschicken: wenn ich mit meinem Handy jemanden anzurufen versuche, aber kein Guthaben mehr habe, bekomme ich zwar keine Verbindung, aber die andere Person von der Telefongesellschaft eine SMS (Textmitteilung), dass jemand mit der Nummer XY versucht hätte, sie zu ereichen, aber eben kein Guthaben besitze. Dass kann vor allem in einer Notsituation schon mal sehr hilfreich sein.

Ich sass also heute beim Mittagessen, als ich zweimal hintereinander die Mitteilung bekam, dass jemand ohne Guthaben versuche habe, mich anzurufen. Die genannte Telefonnummer kam mir auch ziemlich vertraut vor, bis mir klar wurde, dass es meine eigene war! Komisch, komisch, dachte ich, hätte ich doch bemerkt, wenn ich versucht hätte, mich anzurufen; abgesehen davon habe ich doch noch etwas Guthaben und schliesslich führe ich auch keine Selbstgespräche - zumindest nicht, dass ich wüsste - und selbst wenn ich es täte, dann doch bestimmt nicht per Telefon! Richtig merkwürdig wurde es kurz darauf, als das Handy klingelte und das Display mir als Anrufer “eigene Nummer” angezeigt hat - unter diesem Namen habe ich meine Nummer im Telefonbuch eingegeben, für den Fall, dass ich sie mal vergessen sollte. Glücklicherweise hatte ich aber dann, als ich das Gespräch angenommen habe, mich nicht selber in der Leitung, das hätte mir bezüglich meines Geisteszustands doch etwas zu denken gegeben - sondern einen Mann aus Cusco, der gerade vergeblich versuchte, seine Kinder zu anzurufen…

Waschen

Friday, July 20th, 2007

scheint in der Quetchua-Kultur doch eine recht große Bedeutung zu haben, wer hätte das gedacht (zumindest bei der jüngsten Generation kann man manchmal eher den Eindruck gewinnen, dass sie sich große Sorgen um den natürlichen Säureschutzmantel der Haut machen und befürchten, er könnte ernsthaften Schaden nehmen, wenn er mit Wasser in Berührung kommt). Während sich nämlich im Spanischen alles einfach “lavar” nennt, existieren im Quetchua vier verschiedene Wörter für “Waschen”: sich das Gesicht waschen heisst “maqchiy”, Dinge waschen “maylliy”, Geschirr wäscht sich mit “aytiy” und Kleidung (”p’atcha”) mit “t’aqsay”.
Mit solchen Erkenntnissen beschäftige ich mich also zurzeit. Irgendein schlauer Kopf hat mal gesagt, “um das Herz eines Volkes zu verstehen, müsse man seine Sprache kennen” – oder so ähnlich; und ich finde schon, dass das Lernen einer Sprache recht aufschlussreich ist. Zum Beispiel nannte sich das Inkareich in der eigenen Sprache “Tawantinsuyo”, ein Wort, das sich zussammenstetzt aus “tawa” (”vier”) und “suyo” (”Region”); was das “ntin” dazwischen bedeutet, ist mir bisher noch verborgen, möglicherweise ist es mal wieder eines der scheinbar zahllosen “Morpheme”, also Silben, die zu allem möglichen dienen, manchmal auch nur sozusagen zur Dekoration, um den Klang eines Wortes zu verschönern (es gibt nämlich auch den vielsagenden Begriff des “Leermorphems”). Ihre Sprache, die wir “Quetchua” nennen, heisst bei ihnen “Runasimi” und setzt sich zusammen aus “Runa”, “Mensch, Volk”, und “Simi”, “Mund, Sprache”. Das weist doch, finde ich, schon darauf hin, dass auch die Inka wie viele andere längst untergegangene Reiche sich selbst für das Zentrum der Welt und den Maßstab der Dinge hielten, oder?
Eine andere Besonderheit des Quetchua ist, dass Frauen generell mit “mamay”, also “meine Mutter”, Männer mit “tatay” = “mein Vater” angesprochen wurden, was Respekt und Zusammengehörigkeit ausdrückt. Kinder wurden früher regelmässig “waway” = “mein Kind” gerufen - die Bewohner eines Dorfes haben sich als eine grosse Familie verstanden und waren wahrscheinlich meistens auch irgendwie verwandt. Vermutlich unter anderem wegen der immer grösseren Lebensgemeinschaften weicht diese Gewohnheit weicht langsam auf, immer mehr hört man statt dessen “tia” und “tio” (”Tante” und “Onkel”), die Kinder werden eher als “erqe” (Zwerge) bezeichnet.

“Huelga”

Wednesday, July 11th, 2007

heisst “Streik” und findet hier seit eineinhalb Wochen statt, und zwar von der SUTEP, der Lehrervereinigung. Ein neues Gesetz soll demnächstnerlassen werden, dass alle Lehrer selber regelmässig geprüft werden, und wer bei dieser Prüfung 3 mal durchfällt, kann seine Arbeit verlieren. Die Kritik der Lehrer ist vor allem, dass bezüglich dieses Gesetzes keine Rücksprache mit ihren Representanten genommen wurde.
Nachdem letztes Jahr eine Art “Pisa-Studie” in Südamerika durchgeführt wurde und Peru den vorletzten Platz belegte wurde die “emergencia de educacion”, der Erziehungsnotstand ausgerufen und dieses neue Gesetz zur Überprüfung der Lehrer ist wahrscheinlich eine seiner Folgen. Wenn man hört, dass Unterricht und Hausaufgaben vor allem in den öffentlichen Schulen grossteils aus seitenweisem Abschreiben bestehen kann man schon verstehen, dass so etwas durchaus sinnvoll sein kann. Andererseits sind solche Massnahmen natürlich auch ein sehr einfacher Weg für eine Regierung, unerwünschte Personen im öffentlichen Dienst wieder loszuwerden.
Leider haben die Streiks schon etliche Todesopfer gefordert: in Abancay, unserer Nachbarstadt, haben angeblich Lehrer mit Steinen auf Polizisten geworfen. Dabei wurde ein 13jähriges Mädchen am Kopf getroffen und ist sofort gestorben. Ausserdem blockieren die streikenden die grösseren Verbindungsstrassen mit Baumstämmen und grossen Steinen; ein Reisebus ist dadurch in der Nähe von Cusco in eine Schlucht gestürzt, wobei 14 Menschen ums Leben kamen und etliche weitere verletzt wurden (mehr dazu auch unter www.livinginperu.com).
Angesichts dieser Unruhen habe ich für diese Woche meinen Quetchua-Unterricht in Cusco gestrichen - sich freiwillig und ohne Not bei diesen Zuständen auf die Strasse ausserhalb der Ortschaften zu begeben wäre wirklich unnötiger Leichtsinn!

Wetterbericht

Wednesday, July 11th, 2007

Eigentlich haben wir hier gerade Winter (schließlich befinden wir uns auf der Südhalbkugel) und Trockenzeit. Vorgestern Nachmittag habe ich aber am Horizont auffallend dunkle Wolken erspäht und etwas später fing es dann tatsächlich an zu regnen – nicht sehr stark, aber ziemlich anhaltend, wohl auch die Nacht durch und gestern fast während des gesamten Tages. Die Sonne, auf die sonst eigentlich wenigstens um die Mittagszeit immer Verlass ist, hat sich den ganzen Tag nicht blicken lassen und entsprechend kalt ist es zur Zeit abends. Da bin ich natürlich ganz besonders dankbar für meine heiße Dusche sowie meine hell erleuchtete Küche mitsamt Gasherd, der nebenbei auch noch ein wenig heizt, während man kocht – alles bei meinen Nachbarn hier absolut keine Selbstverständlichkeit.
Man könnte jetzt meinen, dass sich doch wenigstens die Landwirte bestimmt über den Regen freuen, aber dem ist leider nicht so. Ein sehr großer Anteil der hier angebauten Produkte ist der Anis; nicht umsonst rühmt sich Curahuasi, die Welthauptstadt des Anis zu sein. Zum Teil ist er schon geerntet, ein Teil steht aber auch noch in Blüte auf den Feldern und wie mir heute von zwei verschiedenen Leuten unabhängig bestätigt wurde, ist dieser noch nicht geerntete Anis mit diesem Regen verdorben, er wird sich nicht oder kaum noch verkaufen lassen. Sehr tragisch für die Bauern – kaum einer von ihnen wird die finanziellen Reserven haben, um eine Missernte einfach so mal weckzustecken.

Grosser Kummer

Tuesday, July 10th, 2007

war gesten bei einem kleinen Knirps aus meiner Nachbarschaft angesagt: gegen halb zehn abends, ich war auf dem Weg nach Hause, hörte ich in der Nähe der Panamericana schon lautes Schluchzen und siehe da, alleine der Strasse entlang liefen zwei etwa 4 und 6 Jahre alte Jungen, fürchterlich schmutzig, nur mit Sweatshirts und einfachen Hosen bekleidet sowie einem bzw. einem halben Paar der hier üblichen Autoreifensandalen an den Füssen. Ich selber hatte zu dieser Zeit meine Treckingboots an und meine kuschelige wattierte North Face Jacke und fand es trotzdem ziemlich kühl. Natürlich bin ich sofort hin und habe sie gefragt, was denn los sei und nach längerem Mutsammeln haben sie leise vor sich hin geflüstert, dass der kleinere der Beiden einen seiner Schuhe verloren hätte; ich vermute, dass sie auch längere Zeit im Dunkeln danach gesucht und sich deshalb so verspätet hatten. Und jetzt hatten sie offensichtlich fürchterliche Angst vor der Abreibung, die sie zuhause erwarten würde, wenn einer von ihnen mit nur einem Schuh aufkreuzt (diese Schuhe kosten 3 Sole, das entspricht etwa 75 Eurocent).

Ich konnte es nicht lassen, den Kleinen mit seinem einen nackten Fuss auf den Arm zu nehmen und mit den beiden zu ihrem Haus zu gehen. Dort habe ich mit der Mutter gesprochen - sie und ihr Mann verdienen ihr Geld mit Gelegenheitsarbeiten auf den Chakras (Feldern) und bei Häuserkonstruktionen, das ergibt etwa 8 - 10 Sole pro Tag und sie haben vier Söhne, da müssen sie natürlich sehr sparsam sein - und ihr das Geld für ein neues paar Sandalen für den kleinen Exon (so heisst er) gegeben. Ich hoffe sehr, dass dem Knirps so seine Strafe erspart blieb!

Warteschleifen

Wednesday, July 4th, 2007

- dieser Begriff gewinnt hier gerade eine ganz neue Bedeutung: um die Wartezeit bis zur Krankenhauseröffnung sinnvoll zu nutzen (die Feier ist am 31.08., ein unverrückbarer Termin, da auch die Frau des Präsidenten, Senora Pilar Nores eingeladen ist und zugesagt hat) arbeite ich mittlerweile stundenweise auch in unserer Schreinerei mit. Aus 9 mm dicken MDF Platten (dünnere waren leider nicht zu bekommen) stellen wir somit ganz besonders stabile Türen her (kann hier vielleicht nicht schaden, Hauptsache, die Scharniere halten das), die lackiert, abgeschliffen und dann nochmal lackiert werden. Dabei konnten sie, wie unser Schreinermeister Burkhard Jochum - auch ein Missionarskollege aus Deutschland - meinte, durchaus noch Unterstützung gebrauchen und das habe ich mir natürlich nicht zweimal sagen lassen.
Vorher, hinterher und zwischendurch nehme ich immer mal wieder mein Vokabelheft zur Hand (llamk’ay - arbeiten, samay - ausruhen..)
P.S.: ein Foto dazu findet der besonders interessierte Leser auch unter www.diospi-suyana.org.

Felix

Wednesday, July 4th, 2007

heisst der Wuschelkopf, seines Zeichens Bobtailrüde, der gerade mal für eine Woche bei mir eingezogen ist, während seine Besitzer, Kollegen aus Deutschland, im Urlaub sind - so habe ich auch mal ein wenig Gesellschaft in meinem sonst außer von mir noch unbewohnten WG-Haus. Trotz seiner imposanten Größe – ich schätze einen knappen halben Meter – ist er erst 6 Monate alt, also noch ein richtiges Baby, was sich unter anderem darin äußert, dass er den Dreibeinstand noch nicht beherrscht und noch wie ein Hundemädchen pinkelt. Vermutlich ebenfalls bedingt durch sein Alter hat er ein unglaubliches Bedürfnis nach Nähe (was bei seinen mir allerdings bei seinen ständig schmutzigen Pfoten und der feuchtschmutzigen Schnauze nicht immer so angenehm ist) - und wahnsinnig viel Energie und Bewegungsdrang! Dem kann ich selbst gar nicht gerecht werden und so bin ich ganz froh, dass die Kinder in der Nachbarschaft völlig begeistert sind von dem Tier und ich sie ab und zu mit ihnen Fangen spielen lassen kann. Sehr gemütlich für mich – ich stehe friedlich am Rande der Szene, während die Kinder lachend und quietschend durch die Gegend flitzen, Felix immer hinterher – wenn er sich denn entscheiden kann, wen von der Bande er gerade mal jagen soll. Einmal sind der Hund und ein kleines Mädchen übereinander gepurzelt – Verletzte gab es zum Glück dabei nicht - , allen beiden scheint es noch nicht so richtig zu gelingen, ihre Füsse bzw. Pfoten zu sortieren.
Bislang sind wir noch ziemlich mit der Klärung der Hierarchie in unserem Minirudel beschäftigt: er soll unbedingt begreifen, dass ich nun mal Alpha bin, dafür darf er sich gerne von Beta bis Omega eine beliebige Position aussuchen. Nachdem er nun schon 2 Tage bei mir wohnt, fangen die Übungen langsam an zu fruchten: zum Beispiel achte ich sehr darauf, dass er nie vor mir durch die Hoftüre geht (was allerdings beim Rausgehen gar nicht so einfach ist, er hängst sich dabei fast selber an seinem Halsband auf beim Versuch, an mir vorbei ins Freie zu rennen) und ich akzeptiere auch nicht, dass er sich an mir anlehnt oder an mir hochspringt – beides Dinge, die er aber unglaublich gerne tun würde.
So richtig stubenrein ist er noch nicht und ich bin immer ganz froh, wenn er kleine oder größere Geschäfte im Freien erledigt - dafür bekomt er dann immer ein grosses dickes Lob. Trotzdem ist es ihm in einem unbeobachteten Moment gelungen, meinen kleinen Garten zu betreten, der eigentlich für ihn Tabuzone ist und so prangt jetzt in dessen Mitte ein großer dicker Haufen, den wegzuräumen ich mich bislang nicht durchringen konnte. Immerhin respektiert er die Tabuzonen Küche und Wohnzimmer: wenn er in den Türen steht und von mir ein gestrenges „Nein“ oder „Raus“ zu hören bekommt, tritt er ziemlich schnell den Rückzug an.