nennet sich die mobile Arztpraxis, die Dr. Allen George, ein Missionsarzt aus den USA, regelmässig veranstaltet, und bei der ich diese Woche zum zweiten Mal dabei war. Um 8 Uhr morgens trafen wir uns jeweils bei ihm zuhause in Abancay; für mich bedeutet das eine Anfahrt von 1½ Stunden mit dem Taxi über eine sehr kurvenreiche Strecke inklusive einem Pass von etwa 4.500 m Höhe. Vor dort aus geht es mit seinem Geländewagen weiter, über Strassen, die man mit einem normalen Auto gar nicht befahren könnte, bis zu einem einfachen Adobe(Lehm)häuschen irgendwo in den Bergen in der Umgebung, Alles, was man benötigt, um dort mal eben seine Praxis aufzuschlagen, hat er dabei - einen Holztisch für die Schreibarbeiten, drei grosse Kunststoffcontainer, die zusammen mit einer Isomatte die Patientenliege ergeben und mit Medikamenten und einigen chirurgischen Instrumenten gefüllt sind, sowie auch ein kleines tragbares Ultraschallgerät (von Sonosite, der Vorgänger des Geräts, das die Röntgenabteilung des KSA verwendet), eine Körperwaage, ein Blutdruckmessgerät inkl. Stethoskop (das leider gerade auseinanderfällt), einen Augen- und Ohrenspiegel, und eine Satz von Holzplättchen, durchnumeriert von 1-30, um die Reihenfolge der Patienten festzulegen.
Meistens wird er bei der Ankunft schon von einer ganzen Reihe Patienten erwartet; in der Regel sind es einfache Bergbewohner, denen ihre Armut deutlich anzusehen ist, und die wissen, dass sie bei Allen für 2-3 Sol (50-80 Eurocent) eine Untersuchung und die erforderlichen Medikamente erhalten (die geringen Kosten für die Patienten sind nur daher möglich, dass Allen, ebenso wie ich und alle meine Missionarskollegen, über einen Freundeskreis in seiner Heimat finanziert wird - mehr dazu auch auf dieser Seite unter “About”). Viele dieser Leute sprechen nur Quetchua und es ist somit eine grosse Hilfe, dass auch Allen diese Sprache beeindruckend gut beherrscht; da auch viele unserer zukünftigen Patienten im Diospi Suyana-Spital nur Quechua sprechen werden, versuche ich, mir wenigstens ein paar Grundkenntnisse anzueignen: “haika wawaiki?” z.B. heisst “wie viele Kinder hast du?”; darauf kann man als Antwort schon mal “chunka” hören, also “zehn”. Ein Patient gestern hat sogar angegeben, 17 Kinder zu haben - und alle mit einer einzigen Frau!
Sehr typische Erkrankungen dieser Bevölkerung sind die Gastritis - Armut ist schliesslich auch mit viel Stress verbunden - und Rückenschmerzen, was nicht weiter verwunderlich ist, wenn man bedenkt, wie schwere Lasten, z.B. Kartoffelsäcke, viele von ihnen schleppen, und 7-Zonen-Latexmatrazen oder gute Kopfkissen nicht gerade zur Grundausstattung ihrer Behausungen gehören. Ebenso häufig sind Entzündungen aller Art, von Lungenentzündungen bis Mittelohrentzündungen - ein sehr tapferes 8jähriges Mädchen haben wir gesehen mit beidseits perforierten Trommelfellen, das eine Ohr war von Eiter verkrustet und ich möchte nicht wissen, was sie schon an Schmerzen ausgehalten hat. Und schliesslich gibt es natürlich auch viele Parasitosen, z.B. Skabies (Krätze) oder Wurmerkrankungen.
Neben medikamentöser Therapie sind in der mobilen Praxis auch kleinere Operationen möglich wie z.B. die Entfernung eines grossen subkutanen Lipoms, wie ich gestern gesehen habe; das Einpackpapier der sterilen Handschuhe dient dabei als Unterlage, eine Stirnlampe als OP-Licht in den in der Regel sehr düsteren Hütten, in denen es oftmals keinen Strom gibt und natürlich auch keine fliessendes Wasser, wir waschen uns die Hände daher mit mitgebrachtem Flaschenwasser. Sehr praktisch ist aber auch, dass Allen u. a. in der Lage ist, Zähne zu ziehen bzw. die Wurzeln nahezu vollständig verrotteter oder abgebrochener Zähne zu entfernen; vielen Leuten hat er damit schon das Weiterleben wesentlich erleichtert (wie er sagte sind starke Schmerzen - z.B. der Zähne - eine der Hauptursachen für Selbstmord in der dritten Welt!).
(Fotos unter “Flickr”)