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Archive for April, 2007

Pyomyositis

Wednesday, April 18th, 2007

heisst uebersetzt “eitrige Muskelentzuendung” und beschreibt ein Krankheitsbild, das man bei uns selten und fast nur bei immungeschwaechten Patienten wie AIDS-Kranken findet. Hier kann man es viel haeufiger sehen und erstaunlicherweise betrifft es ueberwiegend sonst voellig gesunde junge Maenner. Die Theorie der Kollegen hier ist, dass diese Patienten vielleicht an verschiedenen Stellen zunaechst Haematome in der Muskulatur hatten, die sich bei einer voruebergehenden Bakteriaemie mit Staphylokokken besiedelt und dann im Verlauf Abszesse gebildet haben.

Osteomyelitis Einer unserer aktuellen Patienten hier ist ein sehr netter 12jaehriger Indinanerjunge; er ist schon seit drei Wochen im Krankenhaus und kam mit etlichen dieser Abszesse und ausserdem einer Staphylokokkenpneumonie. Nach regelrechter Antibiose entsprechend Antibiogramm sowie natuerlich Inzision und Entleerung aller Muskelabszesse geht es ihm schon viel besser, aber er ist immer noch nicht fieberfrei und wie so oft in diesen Faellen ist die Herausforderung jetzt, weitere Infektionsherde zu finden. Mindestens ein weiterer Herd ist leider eine Osteomyelitis der rechten Tibia mit einer heftigen Periostreaktion, wie ich sie, glaube ich, allenfalls in einem Lehrbuch schon mal gesehen habe (s. Foto). Ohne die Behandlung im Krankenhaus wuerde der Junge wahrscheinlich schon nicht mehr leben, aber trotzdem ist die Situation sehr ernst, soche Infektionen der Knochen sind aeusserst schwierig zu behandeln.

Recycling

Tuesday, April 17th, 2007

An meinen ersten Tag in dem kleinen Missionspital in Shell heute hatte ich nach der Fruebesprechung die Gelegenheit, mit einem Anaesthesiten, der ebenfalls gerade frisch angekommen ist, eine Fuehrung durch den OP zu bekommen. Eine der wichtigsten Regeln, die dieser Kollege zu hoeren bekommen hat, war: “wirf nie irgendetwas weg, ohne vorher zu fragen”. Die Kanuelen werden so lange resterilisiert und wiederverwendet, “bis man sie durch die Haut schrauben muss” (Zitat), die Beatmungsschlaeche werden selbstverstaendlich auch dauerhaft gebraucht, es gibt also so gut wie keine Einmalartikel. Selbst die Handschuhe werden gewaschen, getrocknet, in einer Trommel gepudert und resterilisiert.

Besucher in der Notaufnahme

Den restlichen Tag habe ich ueberwiegend im Ultraschall verbraucht bzw durfte meine Meinung zu Roentgenbildern und externen CTs aeussern; ich gebe mir alle Muehe, den Kollegen hier zu demonstrieren, wie ueberaus hilfreich es ist, einen original Radiologen im Haus zu haben, in der Hoffnung, dass sie mich vielleicht ueberreden, hier zu bleiben… Auch wenn hier natuerlich sehr vieles hier sehr anderes ist, als ich es in den verschiedenen Krankenhaeusern in Deutschland und der Schweiz kennengelernt habe, (nicht zuletzt die Besucher, die man gelegentlich mal in der Notaufnahme antreffen kann, s. Foto) gefaellt es mir bisher ausgesprochen gut und ich hoffe, dass es in unserem Krankenhaus in Curahuasi so aehnlich zugehen wird wie hier!

Shell

Monday, April 16th, 2007

heisst der Ort, in dem ich vor etwa 4 Stunden angekommen bin, natuerlich mal wieder mit dem Bus und nach einer etwa 6stuendigen Fahrt. Im allerletzten Moment bin ich in Quito am Busbahnhof angekommen und genau dieser Bus war wahrscheinlich der einizige in der Geschichte Suedamerikas der tatsaechlich superpuenktlich mit nur 3 Minuten Verspaetung logefahren ist. Vor lauter Hektik (dabei war ich einfach nur zu spaet vom Gaestehaus aufgebrochen) hatte ich keine Zeit mehr, mir etaws zum Mittagessen zu besorgen, aber wie in wahrscheinlich allen Bussen Suedamerikas gab es auch hier zum Glueck wieder jede Menge “Handlungsreisender” - Leute die an irgendeiner Strassenecke zusteigen, ihre Ware von Chips ueber Empanadas, gekochte Maiskolben mit Kaese (”choclo con queso”), Limo, Kaugummis, Bonbons, Eis etc. etc. zu verkaufen versuchen und ein paar Ecken weiter wieder aussteigen. Bei der Abfahrt vom Terminal waren wir nur 4 Passagiere an Bord, aber bis wir Quito verlassen haben, waren alle Plaetze besetzt - auch ReifenpannePassagiere sind an jeder moeglichen und unmoeglichen Stelle zu- und ausgeladen worden, was natuerlich das Reisetempo nicht gerade beschleunigt hat. Kurz vor dem Ziel hatten wir schliesslich auch noch eine allerdings sehr unspektakulaere Reifenpanne, die aber auch schon nach etwa einer halben Stunde behoben war und so bin ich fast planmaessig hier angekommen.

Seinen Namen hat Shell uebrigens von der gleichnamigen Erdoelgesellschaft geerbt, die hier 1947 ein Camp uind einen Flugplatz eingerichtet hat, als erstmals Oel im oestlichen Teil des Landes, dem Amazonansgebiet (”Oeriente”) entdeckt wurde. Wir sind hier auf vielleicht etwa 1000 m Hoehe, im Gegensatz zum ziemlich kuehlen Quito auf 2.700 m ist es hier warm und vor allem sehr feucht und ich habe mir vorsichtshalber schon mal den Mueckenschutz neben das Bett gestellt.

Morgen frueh um 7.30 Uhr werde ich planmaessig an der Fruehbesprechung im Krankenhaus teilnehmen. Normalerweise gibt es hier keinen Radiologen und die Kollegen, denen ich bisher begegnet bin, freuen sich sehr ueber diesen “Luxus”, endlich mal eine Fachkraft fuer die Roentgen- und Sonobefunde zu haben. Mal sehen, ob ich ihren Erwartungen gerecht werde. Immerhin habe ich mir in den Wochen im Krankenhaus in Quito 14 maschienengeschriebene Seiten mit radiologischen Beispielbefunden auf Spanisch zusammengestellt, ich vermute, die werde ich brauchen koennen (die aeztliche Belegschaft ist wohl weit ueberwiegend aus Nordamerika, trotzdem ist die Sprache im Krankenhaus natuerlich Spanisch).

Cucuruchos

Saturday, April 7th, 2007

heissen die lilafarbenen Kapuzenfiguren, die ein wichtiger Bestandteil der traditionellen Karfreitagsprozession des “Jesus del gran poder” (”des maechtigen Jesus”) sind. Mich haben sie zunaehchst mal an den KuKluxKlan erinnert und ich fand sie ziemlich unheimlich. Ihre eigentliche Bedeutung ist aber die Darstellung von Buessern (Lila ist offensichtlich in der katholischen Kirche die traditionelle Farbe der Busse).

Rechtzeitig, noch bevor die Prozession vorbeikam, war ich gestern im Zentrum von Quito und habe mich ins Gedraenge gestuerzt, die eine Hand um meinen Geldbeutel in der Hosentasche, in der anderen die Kamera. Ich hattte Glueck und habe ein Platzchen mit recht guter Sicht gefunden. Bestimmt zwei Stunden habe ich da gestanden, zum Teil in stechender Sonne (immerhin sind wir hier auf 2.700 m), zum Teil auch in etwas Nieselregen.

Unzaehlige dieser Cucuruchos sind in der Prozession mitgelaufen, einzelne auch mit nacktem Oberkoerper und haben sich dabei entweder selbst mit Stricken auf den Ruecken geschlagen oder Stacheldraht um den Oberkoerper gewickelt. Zwischendurch gab es auch welche, die einen Balken quer ueber die Schultern gelegt und an die Handgelenke gefesselt hatten. Und dann gab es auch einige Maenner - und zum Teil auch Kinder -, die als Christus verkleidet Kreuze geschleppt haben, zum Teil zitternd vor Anstrengung, zum Teil musste ihnen von anderen Prozessionsteilnehmern beim Tragen geholfen werden.

Auch Frauen nehmen natuerlich an der Prozessoin teil - entweder als Cucuruchos verkleidet, oder als “Virgen Dolorosa” (”Jungfrau in Schmerzen”). Zwischen den einzelnen Gruppen von Prozessionsteilnehmern kam dann auch immer mal wieder eine “Marching band”, die Trauermaersche gespielt hat.

Das ganze hat natuerlich zum grossen Teil den Charakter eines Volksfestes und der Suedamerikaner als solcher scheint ja grossen Menschenansammlungen und Gedraenge nicht abgeneigt zu sein. Andererseits hat die Prozession aber natuerlich auch eine wichtige religioese Bedeutung. Ich fand, dass der Anblick dieser Maenner, die mit grosser Muehe das Kreuz schleppten, recht plastisch in Erinnerung rufen, was Jesus durchgemacht hat, damit unsere Suenden vergeben werden koennen. Sehr traurig nur, dass offensichtlich viele der Menschen nicht begriffen haben, dass damit schon alles getan ist, was dazu noetig ist, und dass sie kein bisschen dazu beitragen muessen - und auch nicht koennen - indem sie sich selbst quaelen.

(mehr Fotos bei Flickr)

Increíble!

Wednesday, April 4th, 2007

geradezu unglaublich, was wir heute im CT (Computertomographen) gesehen haben: der Patient war ein Europaer, der gerade im Regenwald im Norden Ecuadors ein Hotel aufbaut, in einer Gegend in der man besonders gut Voegel beobachten kann (er selbst ist Ornithologe und hat somit besonderes Interesse an diesen Tieren). Gestern war er mit zwei Freunden im Auto unterwegs, als er ueberfallen worden ist, er ist angeschossen worden und alle drei sind gefesselt in den Kofferraum gesteckt worden. Irgendwie konnten sie entkommen und er ist auf umwegen zu uns in Krankenhaus gelangt. Das Sensationelle an der Geschichte ist die Art der Verletzung, die er davongetragen hat: der Schuss ging durch seinen Hals, kurz unterhalb des Unterkiefers. Etwa auf Hoehe C3/C4 ist das Projektil auf der einen Seite eingetreten, ventral an Carotis interna, externa und Vena jugularis interna vorbei, retropharyngeal bzw. ventral an den Wirbelkoerpern entlangeschrappt und auf der anderen Seite wieder ventral der o.g. Gefaesse ausgetregen. Hier wurde noch die Glandula submandibularis etwas in Mitleidenschaft gezogen, aber ein groesseres Haematom war nicht abzugrenzen, die groebste Pathologie war ein Emphysem in den Halsweichteilen, das sich caudalwaerts im Mediastinum bis zum Herz erstreckt. Unglaublich, oder?! (fuer alle Nichtmediziner, denen das etwas spanisch vorkommt: das ist ungefaehr so, als wenn jemand auf ein Haus schiesst, und das Projektil fliegt durch das offene Kuechenfenster rein, durch mehrere Tueren, die nur einen spaltweit offen stehen, und durch das offene Badezimmerfenster wieder raus, ohne irgendwas der Einrichtungsgegenstaende zu beschaedigen).

Keine Ahnung, ob der Betroffene weiss, wem er diese Bewahrung zu verdanken hat! und ich kann nur hoffen, dass meine Schutzengel im gleichen Trainingscamp waren…(wobei ich natuerlich nicht vorhabe, aehnliche Abenteuer zu bestehen).