Navidad
Sunday, December 31st, 2006(„Weihnachten“) -  Die Nacht vom 23. auf den 24.12. hab ich in Cusco verbracht. Ein Grund für die Fahrt dorthin war, dass ich natürlich mal wieder Material für unsere Baustelle gebracht habe (zwei Beutel Fugenmasse), vor allem wollte ich auch ein paar Weihnachtsanrufe tätigen und ausserdem sind diese Übernachtungen in Cusco im Hotel in der Regel auch mit einer richtigen heissen Dusche verbunden, auch das ist immer wieder ein entscheidender Anreiz, die beschwerliche Anreise in Kauf zu nehmen.
Dieses Mal bin ich in einem anderen Hotel abgestiegen, in das Kollegen von mir hier immer gehen, es ist noch etwas günstiger als das, in dem ich sonst wohne (mit Diospi-Suyana-Rabatt 10 USD inkl. kontinentales Frühstück), ausserdem etwas zentraler, aber dafür nicht ganz so ruhig gelegen. Bei der ersten Besichtigung meines Zimmers war ich nicht so beeindruckt – das ganze Zimmer war etwas dunkel und wirkte auf den ersten Blick etwas schmuddelig, die Bettdecke bestand aus einem wohl mässig sauberen Leintuch und zwei etwas klammen Wolldecken (in Cusco ist gerade Regenzeit, ausserdem ist es meistens sehr kalt und die Sachen trocken nicht richtig), im Bad fehlten Handtuch und Toilettenpapier… Abends auf dem Weg zurück zum Hotel musste ich die Plaza de Armas überqueren; frühmorgens am 24. sollte hier, wie ich gehört hatte, ein Weihnachtsmarkt stattfinden. Schon abends waren jede Menge Campesinos, einfache Indianer vom Land, auf dem Platz, natürlich auch wie immer jede Menge Kinder dabei. Wie mir von einem Taxifahrer bestätigt wurde, verbringen diese Menschen die ganze Nacht auf der Plaza (!), um am nächstem Morgen schon früh da zu sein, wenn der Markt beginnt. Ich selbst war mit Fleecepulli und warmer Jacke unterwegs und im Hotel angekommen kam mir plötzlich mein Bett mit der Wolldecke richtig luxuriös vor, zumal ich im Zimmer noch einen kleinen Elektroofen entdeckt habe, mit dem ich ein kleines bisschen geheizt habe und ausserdem noch vorm Schlafengehen richtig schön heiss geduscht. Als ich dann im Bett lag und gehört habe, wie es in Strömen geregnet hat, war ich so dankbar, in einem weichen warmen Bett zu liegen mit einem ordentlichen Dach über dem Kopf!
Am nächsten Morgen bin ich gegen 8 Uhr über die Plaza gegangen, und da sassen sie schon, die Campesinos, und haben zum Teil einfach nur Grasbüschel oder Moosstücke (zur Dekoration einer Weihnachtskrippe) zum Kauf angeboten. Ein kleiner Junge, etwa 5 Jahre alt, sass alleine vor einem Plastiksack, der auf dem Boden ausgebreitet war (wahrscheinlich hat seine Mutter gerade ihre Ware geholt) – in einen schmutzigen Trainingsanzug aus Nylon und mit nacken Füssen in den hier üblichen Autoreifensandalen. Er hat am ganzen Körper gezittert (ich fand es auch trotz Fleece und warmer Jacke noch etwas ungemütlich kühl) und hat mich mit riesengrossen Augen angeschaut und sich wahrscheinlich gefragt, wie ein Mensch so unglaublich reich sein kann wie diese Gringa mit den vielen warmen Kleidern und Stiefeln an den Füssen und den ganzen Taschen (ich hatte schon ein paar Geschenke für mein Kollegen in Curahuasi gekauft) … etwas weiter bin ich an einer jungen Frau vorbeigegangen, die einen Haufen Moosstücke vor sich liegen hatte und gebettelt hat „compra me, compra me!“ (bitte, kauf von mir!).
Nachdem ich mit etwas Glück mittags noch ein Taxi zurück nach Curahuasi erwischt habe, hatten wir einen sehr netten Abend bei Ehepaar Klemenz; den ersten Weihnachtsfeiertag haben sich alle Diospi Suyana-Mitarbeiter in Curahuasi bei Familie John zum Truthahnessen getroffen. Für mich war es so ein sehr schönes Weihnachtsfest, obwohl der frierende kleine Junge von der Plaza in Cusco mir bestimmt noch lange im Gedächtnis bleiben wird und mich immer wieder dankbar sein lässt für den Reichtum, in den ich hineingeboren wurde, aber auch die Frage stellen, wie das Leben so ungerecht sein kann und warum z.B. dieser kleine Junge so viel weniger Glück hatte.


